Tag der Opfer des Faschismus 2021

13. September 2021

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Auszug aus der Rede der Landesvorsitzenden, Kati Engel

Seit 1945 ist der zweite Sonntag im September der Tag, welcher der Ehre und dem Andenken der Opfer des Faschismus gewidmet ist. Er ist damit der älteste Gedenktag für die Opfer des Naziregimes.

Bereits in den ersten Wochen nach der Befreiung entstanden vielerorts Antifa-Ausschüsse, in denen die Verfolgten des Naziregimes soziale, aber auch medizinische Hilfe für die Überlebenden der Haftstätten und Konzentrationslager organisierten. Kurze Zeit später wurden dann sogenannte „Ausschüsse für die Opfer des Faschismus“ eingerichtet, welche direkt an die kommunalen Verwaltungen angegliedert waren.

Es waren ehemalige politische Häftlinge, welche die Initiative für die Einführung eines Gedenktages für die Opfer des Faschismus ergriffen. Am 3. August forderte der Berliner „Hauptausschuß Opfer des Faschismus“ dem Oberbürgermeister Dr. Arthur Werner in einem Brief dazu auf.

Auszug aus dem Brief an den Berliner Oberbürgermeister:

„In der Zeit von Ende August bis Anfang September jährt sich zum erstenmale der Tag der faschistischen Morde an Ernst Thälmann, Rudolf Breitscheid und den Kämpfern des 20. Juli. Der Hauptausschuss „Opfer des Faschismus“ empfiehlt, in dieser Zeit Gedenkfeiern für unsere toten Helden zu veranstalten. Sie sollen politisch demonstrieren:

Die internationale Verbundenheit aller europäischer Opfer des Faschismus.

Die kämpferische Solidarität und geschlossene Einheit aller antifaschistischen Kämpfer aus dem Lager und Zuchthaus, aller antifaschistischen Kräfte in den Parteien und Gewerkschaften für Wiederaufbau und Wiedergutmachung.

Es soll der unumstössliche Wille der überlebenden Antifaschisten zum verantwortlichen Einsatz ihrer Kräfte für Demokratie und Völkerverständigung zum Ausdruck kommen. Das ist das Vermächtnis unserer toten Helden. […] Diese Gedächtnisfeier grössten Ausmasses wird nicht nur ein ehrendes Gedenken der toten Helden sein. Sie ist darüber hinaus an alle Überlebende der KZ’s und Zuchthäuser gerichtet. Sie wird den deutschen Kämpfern und den antifaschistischen Helden ganz Europas gewidmet sein, sind doch Häftlinge aus allen Teilen Deutschlands und Europas in den Nazi-Lagern vereint geween und sind dort in gemeinschaftlicher Abwehr dem SS-Terror entgegengetreten. […]“

Der Berliner Magistrat nimmt sich dieses Anliegens an und ruft für den 9. September 1945 zum „Tag der Opfer des Faschismus“ auf. Zahlreiche weitere Städte – vor allem in Sachsen und Brandenburg – schließen sich diesem Aufruf an. Allein in Berlin bewegen sich am 9. September 1945 30 Demonstrationszüge durch die Stadt. Ihr Ziel ist das Neuköllner Stadion. Umrahmt von Fahnen der von Deutschland überfallenen Länder, erhebt sich in der Mitte des Platzes das Ehrenmal. Es trägt die Inschrift: „Die Toten mahnen die Lebenden“. 

[…]

Gesamtbilanz von zwölf Jahren deutschen Faschismus ist beispiellos: 60 Millionen Menschen verloren dadurch ihr Leben. Lasst uns daher bitte innehalten und an ihre millionenfache Opfer erinnern und gedenken.

Wir verneigen uns ehrfurchtsvoll vor den Opfern, die in den Konzentrationslagern, Zuchthäusern und Folterkammern litten und ermordetet wurden.

Wir verneigen uns tief vor den Soldatinnen und Soldaten der Antihitlerkoalition, vor den Partisanen und den Kämpferinnen und Kämpfern des illegalen Widerstandes, vor Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeitern und Wehrmachtsdeserteuren.

Wir verneigen uns vor jenen, die diese Hölle überlebten und sich hoffnungsvoll am 19. April auf dem Apellplatz in Buchenwald zusammenfanden, um den Schwur zu leisten:

„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.“

Doch der Schwur von Buchenwald ist bis heute nicht erfüllt. Und die überlebenden KZ-Häftlinge, die ihn damals leisteten, werden immer weniger. Erst dieses Frühjahr mussten wir einen der letzten Zeitzeugen zu Grabe tragen: unseren Freund und Kameraden, Günter Pappenheim. Wenige Wochen vor seinem Tod forderte Günter uns, die nachfolgenden Generationen, auf:

• Lasst nicht zu, dass vergessen wird, was in Buchenwald geschah und ordnet es ein in das Furchtbare, was durch die Hitlerfaschisten in der Welt angerichtet wurde.

• Erinnert und bedenkt die Apriltage 1945 in Buchenwald.

• Erinnert und bewahrt den Schwur von Buchenwald, denn es gibt keine Alternative zu einer Welt des Friedens, der Freiheit und ohne Faschismus, wenn die Menschheit überleben will.

• Scheut keine Mühe, wenn es darum geht, den antifaschistischen Konsens immer neu, auch international, zu beleben.

Es ist nun an uns, das Vermächtnis des Schwurs von Buchenwald weiterzutragen.

Es ist nun an uns, die Erinnerung an die Opfer des Faschismus zu bewahren.

Es ist nun an uns, die Mahnung vor den Gräueltaten des Naziregimes und den Abgründen des menschlichen Handelns aufrechtzuerhalten.

Es ist an uns, dafür Sorge zu tragen, dass ein „Nie wieder“ wirklich auch ein „Nie wieder“ bleibt. Denn das sind wir den gemordeten Opfern und deren Angehörigen schuldig.