Eindrücke vom dezentralen Gedenken am 8. Mai

16. Mai 2020

Zella-Mehlis

 

Gotha

 

Saalfeld/Rudolstadt

 

Apolda

 

Den 8. Mai 2020 als „Tag der Befreiung“ dezentral gedenken und ab 2021 den 8. Mai als gesetzlichen Feiertag begehen

6. Mai 2020

Pressemitteilung | Erfurt, 4. Mai 2020

„Der 8. Mai markiert aus unserer Sicht gleichermaßen den Sieg von Menschlichkeit und Demokratie in Europa, aber gibt uns eben auch einen Auftrag für die Gegenwart.“ Anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung von Faschismus und Krieg am 8. Mai 2020 appellierten bereits im Januar die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Thüringen, der Deutsche Gewerkschaftsbund Hessen- Thüringen und die Deutsch- Russische Freundschaftsgesellschaft in Thüringen e.V. an Ministerpräsident Bodo Ramelow: Die Thüringer Landesregierung möge prüfen, ob der 8. Mai in Thüringen für das Jahr 2020 zum gesetzlichen Feiertag erklärt werden könne. „In Zeiten, in denen Rassismus, Antisemitismus und völkisches Gedankengut immer stärker um sich greifen und selbst ernannte Alternativen die liberale Demokratie in Frage stellen, in diesen Zeiten ist es wichtig, entsprechende Zeichen zu setzen,“ so Elke Pudszuhn (VVN-BdA Thüringen), Dr. Martin Kummer (DRFG) und Sandro Witt (DGB Hessen-Thüringen).
Die bundesweite Petition „Den 8. Mai zum Feiertag machen! Was 75 Jahre nach Befreiung vom Faschismus getan werden muss!“, die zwischenzeitlich durch die VVN- BdA und ihre Ehrenvorsitzende, der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano initiiert worden war, hat in weniger als 2 Wochen über 50.000 Unterschriften, darunter auch tausende Gewerkschafter*innen, gesammelt.
Der DGB Hessen-Thüringen, die Deutsch Russische Freundschaftsgesellschaft in Thüringen e.V. und die VVN/BdA rufen für den 8. Mai 2020 zu vielfältigem, dezentralem Gedenken auf. An Orten, die an die Opfer von Faschismus und Krieg, einschließlich der Gräber von Kriegsgefangenen, Zwangsarbeiter*innen und Widerstandskämpfer*innen erinnern, sollen Plakate auch den Dank an die Befreier der Antihitlerkoalition ausdrücken. An Ehrenmalen der einstigen Sowjetarmee, auf sowjetischen Soldatenfriedhöfen u.a. sollte besonders an die Opfer, die die Völker der ehemaligen Sowjetunion für die Befreiung des deutschen Volkes vom Nationalsozialismus erbrachten, gedacht werden. Auch an den Orten, die an Etappen der Befreiung erinnern und auch im allgemeinen Stadtbild (z.B. an Straßenschildern) wollen wir rote Nelken oder bunte Blumensträuße niederlegen und bitten die Menschen darum, dies auch zu tun. Diese Aktionen können dann mit allen Menschen über die sozialen Medien geteilt werden. Wir wollen damit zeigen, wie vielen Menschen der 8. als der Feiertag wichtig ist und erneuern unsere Forderung an die Thüringer Landesregierung den 8. Mai im nächsten Jahr auch als Feiertag zu erklären.
Witt, Kummer und Pudszuhn erklären abschließend: „Das Gedenken an die Zeit vor, während und nach dem 2. Weltkrieg und an die Gräuel des Nationalsozialismus wird immer wichtiger, je weniger Menschen darüber aus eigenem Erleben berichten können. Deshalb wünschen wir uns eine breite Beteiligung der Zivilgesellschaft, nicht nur an den Aktivitäten zum, sondern auch an der Debatte um den 8. Mai als Feiertag.“

Reden zum 75. Jahrestag der Befreiung und Selbstbefreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 2020

14. April 2020

Zum 75. Jahrestag der (Selbst-)Befreiung des KZ Buchenwald konnten wegen der Corona-bedingten Absage der Gedenkveranstaltungen die beiden nachfolgend dokumentierten Reden von Günter Pappenheim und Dominique Durand leider nicht gehalten und gehört werden. Mögen sie auf diesem Weg möglichst weite Verbreitung finden.

Rede von Dominique Durand, Präsidenten des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos

Am 11. April 2020 wird anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des KZ Buchenwald die Glocke von Buchenwald auf dem Ettersberg läuten.
Wir, ehemalige KZ-Häftlinge, Nachkommen, Familien und Träger der Erinnerung, wollten gemeinsam mit unseren Freunden sowie den Bürgerinnen und Bürgern zu diesem denkwürdigen Ereignis auf dem Ettersberg zusammentreffen, um zu gedenken, nachzudenken und zu mahnen. Nordhausen und Orte der Außenlager wollten wir in unser Gedenken einbeziehen.
Leider erlaubt es die tragische Corona-Virus-Pandemie nicht, unsere Pläne zu verwirklichen. Die ehemaligen internierten und deportierten Häftlinge werden weder im Deutschen Nationaltheater von Weimar, noch auf den Appellplätzen von Buchenwald und Dora, auch nicht vor Schülern und Jugendlichen zu treffen sein. Wir werden uns nicht freundschaftlich begegnen können. Ihre Stimmen werden nicht zu hören sein. Ihre Anwesenheit ist unersetzlich, stärkte sie doch erheblich den Umfang ihrer Botschaft. Ihr Wesen, ihre Präsenz machen stets jene Seiten der Geschichte lebendig, die schon so entfernt scheinen.
Die Treffen zum Gedenken bieten immer wieder eine Gelegenheit zur erklärenden Erinnerung an die Vergangenheit. Sie sind gleichzeitig Momente der Wiedervereinigung, der Brüderlichkeit.
Das Covid-19 – Virus hat diese Dynamik gebrochen. Es bringt aber auch unsere Stärken und Schwächen ans Licht. Es ermöglicht den Rückzug auf uns selber. Zugleich erweckt es in uns humanistische Regungen. Wir müssen uns beschränken, jedoch mit großer Energie Solidarität befördern.
Die Situation regt an, grundsätzliche Fragen zu bedenken und öffnet neue Perspektiven. Wie wir im Geist des Schwurs von Buchenwald das Mahnen und Gedenken an authentischen Orten gestalten werden, soll im Mittelpunkt unserer Überlegungen stehen.
Vor 75 Jahren verkündete der politische Häftling Hans Eiden in seiner Funktion als Lagerältester: „Kameraden! Wir sind frei!“
Der organisierte politische Widerstand hatte einen bedeutsamen Sieg errungen. In die Freude drang die Trauer um die Opfer. Aus dem Gedenken an sie entwickelte sich über nationale Unterschiede, Weltanschauungen, Kulturen, Lebenserwartungen und vielfältige Meinungsverschiedenheiten hinweg eine übereinstimmende Zuversicht, die sich im Schwur von Buchenwald artikulierte:
„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung.
Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Die unbedingte Verbindlichkeit wurde zum Vermächtnis.
Das Internationale Komitee Buchenwald Dora und Kommandos ist der Träger dieses Vermächtnisses und verpflichtet, es zu bewahren.
Das IKBD ist Erbe des Willens, den Nazismus und den Faschismus zu vernichten. Diese Ideologien führten mit Nationalismus, Herrenmenschentum und Gewaltverherrlichung zu Ausgrenzung, Hass, Massen- und Völkermord und Vernichtungskrieg.
Im Sinne des Schwurs von Buchenwald haben wir starke Vorbehalte gegenüber der ahistorischen und die Wahrheit verfälschenden Gleichsetzung aller „Opfer totalitärer und autoritärer Regime“ durch das Europäische Parlament.
Mit großer Besorgnis müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Einwände gegen die Kommerzialisierung authentischer Orte zur Bewahrung der historischen Stätten von Außenlagern der KZ Buchenwald, Dora durch kommunal Zuständige ignoriert werden. Das betrifft das Treiben rechtsextremistischer Kampfsportler auf dem ehemaligen Hasag-Gelände in Leipzig und die Einrichtung des Bratwurstmuseums in Mühlhausen.
Das IKBD achtet und unterstützt die Arbeit der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau – Dora und dankt dem Freistaat und den Behörden von Thüringen und Weimar sowie allen Gedenkgremien für ihr moralisches und politisches Engagement.
Das IKBD hat stets – allein oder an der Seite von anderen internationalen Lagerkomitees – den Rassismus, den Antisemitismus, die Stigmatisierung der Sinti und Roma, der Migranten und auch jeden Ausgrenzungsreflex gegen Menschengemeinschaften angeprangert und sieht sich verpflichtet, das auch künftig zu tun.
Die Erfahrungen aus den dunklen Jahren der NS-Zeit und die Worte der Internierten und Deportierten in den KZ haben zu den wichtigsten Entscheidungen für den Frieden zwischen Nationen und für den Sozial- und Kulturfortschritt erheblich beigetragen.
Es ist unser Stolz und unsere Pflicht, es nie in Vergessenheit geraten zu lassen.
Die politischen Entwicklungen in Thüringen und Deutschland sowie solche in vielen anderen Ländern Europas, Asiens und Amerikas sind für uns alle eine große Herausforderung, denn sie haben sich bedenklich verbreitet. Sie widersprechen grundsätzlich den Werten des Schwurs von Buchenwald.
Die Ursachen und Konsequenzen von Nazismus und Faschismus zu erklären, die Erinnerung an die Opfer und KZ-Internierten und Deportierten zu bewahren, ihre Botschaften zu übermitteln und weiterzutragen, ist unser Wille und unsere Aufgabe für die Gegenwart und Zukunft, weil es auch 75 Jahre nach der Befreiung keine Welt des Friedens und der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Würde für jeden Menschen gibt.

Rede von Günther Pappenheim, Erster Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos Vorsitzender der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora

Liebe Kameradinnen und Kameraden, liebe Freundinnen und Freunde, Weggefährten, meine Damen und Herren!

In einer außergewöhnlichen Situation äußere ich mich.
Die Corona – Pandemie hat die Welt in den Griff genommen. Um Menschen vor dem Virus Corvid-19 zu schützen, sind vielfältige Maßnahmen getroffen worden.
Unter diesen Bedingungen über die Befreiung der Häftlinge des faschistischen deutschen Konzentrationslagers Buchenwald zu sprechen, ohne in die Gesichter der Menschen sehen zu können, die angesprochen werden sollen, ist für mich eine neue Situation. Es wird keine herzlichen, kameradschaftlichen Begrüßungen, keine Begegnungen geben, keine Gespräche miteinander werden geführt werden können.
Wenn ich in der Vergangenheit über meine Entwicklung, meine Erlebnisse und Erfahrungen sprach, war es mir immer besonders wichtig, in die Gesichter zu sehen und auch auf diese Weise den sozialen Kontakt herzustellen.
Der soziale Kontakt hat für mich so große Bedeutung, weil er mir nach meiner Einweisung in das Konzentrationslager Buchenwald das Leben rettete. Ich, der wenig Erfahrene, neunzehnjährige politische Häftling, wäre gnadenlos dem Mordterror der SS ausgeliefert gewesen, hätten mir nicht erfahrene Kameraden beigestanden. Noch heute verneige ich mich vor dem Sozialdemokraten Hermann Brill und dem Kommunisten Eduard Marschall, die mich im Kleinen Lager ausfindig machten und mit dafür sorgten, dass ich ins Hauptlager kam. Ich verneige mich vor Hermann Schönherr und Walter Wolf, die mutig und uneigennützig solidarisch als Kapos Leben von anderen Kameraden beschützten – auch mein Leben. Und ich erinnere mich in Dankbarkeit an den Stubendienst im Block 45, den österreichischen Häftling Fritz Pollak, der für mich eine Schlafstelle fand. Es handelte sich bei allen Genannten um politische Häftlinge, die zum organisierten politischen Widerstand im KZ Buchenwald gehörten, der unter größter Geheimhaltung sein Bemühen darauf richtete, gegen die Bestien der SS ein humanistisches internationales Schutzschild zu schaffen.
Unser Kamerad und langjähriger Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald – Dora und Kommandos, der französische Kommunist Pierre Durand sagte: »Es gab viele Buchenwald«. Ja, es gab auch das Buchenwald des organisierten antifaschistischen Widerstands. Das darf nicht vergessen werden. Diese Mahnung am fünfundsiebzigsten Jahrestag der Befreiung und Selbstbefreiung der Häftlinge des KZ Buchenwald ist sehr aktuell.
Als am 11. April 1945 mein Vorarbeiter, der Dresdener jüdische Kamerad Leonhard in die Gerätekammer mit der Nachricht stürzte, er hätte Häftlinge mit Waffen im Lager gesehen, die sich in Richtung Haupttor bewegten, glaubte ich ihm zunächst nicht. Dann aber sah ich das mit eigenen Augen und meinte zu träumen. Aus dem Traum riss mich das Wort »Kameraden«. Aus den Lautsprechern war das zu hören, aus denen soeben noch Kommandos gebrüllt worden waren, die den Tod bedeuten konnten. Nun sprach der Lagerälteste Hans Eiden: »Kameraden! Wir sind frei!« Diese wenigen Worte erschütterten mich.
Durch das geöffnete Haupttor mit der zynisch gemeinten Inschrift »Jedem das Seine« ging ich, nein, ich schritt erstmals als freier Mensch.
Die Inschrift war zum Bumerang für die SS-Täter geworden. Es gelang nicht, alle zur Verantwortung zu ziehen und nicht wenige blieben straflos.
Dann kam der 19. April 1945, das Totengedenken auf dem Appellplatz. Wo sich heute die Gedenkplatte befindet, war ein schlichter hölzerner Obelisk errichtet und vor diesem traten blockweise die 21.000 Überlebenden an, um im Gedenken an die 51.000 Toten (später musste die Zahl auf 56.000 ergänzt werden) den Schwur zu leisten mit der Grundaussage:
»Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau
einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.«
Für viele von uns ehemaligen Häftlingen wurde dieser Schwur lebenslang verbindlich, ein Kompass für das künftige Leben, ein Programm für die Lebensgestaltung.
Ich habe geschworen, meine Schwurhand gehoben. Ohne Einschränkung stelle ich hier fest: Niemand hat das Recht, den Wortlaut des Schwurs von Buchenwald missverständlich zu deuten! Niemand!
Genau so wie niemand das Recht hat, etwa der Sixtinischen Madonna von Raffael den Faltenwurf zu korrigieren.
Mit der Erfahrung von Buchenwald und im Bewusstsein der Kraft der Solidarität trat ich am 1. August 1947 in die interzonale Organisation Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) ein. Deren politische Arbeit war auf die Verwirklichung der programmatischen Sätze des Schwurs von Buchenwald gerichtet – und ist es immer noch.
Dass dieser größten deutschen Verfolgtenorganisation fünfundsiebzig Jahre nach der Befreiung vom deutschen Faschismus in übelster antikommunistischer Tonlage auf Grund infamer Unterstellungen von der Berliner Finanzbehörde die Gemeinnützigkeit entzogen werden konnte, ist ein Skandal erster Güte und eine jeglichen demokratischen Verständnisses hohnsprechende Schande.
Ich habe beim Bundesfinanzminister dagegen protestiert. Er ließ mir mitteilen, dass er über die Entscheidung der Berliner Steuerverwaltung genau so überrascht gewesen sei wie ich und dass er sich die Anzweiflung der Verfassungstreue der VVN-BdA nicht hätte vorstellen können. Zugleich ließ er darauf verweisen, dass Steuerverwaltung Angelegenheit der Länder und alles rechtmäßig vollzogen worden sei. Der Minister, hieß es, hätte um eine Darstellung aus Berlin gebeten. So geschehen im November 2019. Bis heute sind zwar die finanziellen Forderungen an die VVN-BdA ausgesetzt, der Entzug der Gemeinnützigkeit bleibt jedoch aufrechterhalten, wodurch diese antifaschistische Organisation erwürgt und handlungsunfähig gemacht werden soll.
Damit bin ich in der Gegenwart und habe die Jahre des Kalten Krieges übersprungen, der, überwunden geglaubt, sich größter Lebendigkeit erfreut.
Ich bin in einer Gegenwart, die offenbar aus der Vergangenheit zu lernen nicht in der Lage ist. Es gibt erstarkende Kräfte, die Nationalismus und völkisches Denken neu beleben, Rassismus, Fremdenhass, Antisemitismus, Antiziganismus ideologisch befördern. Politische Stagnation und soziale Fehlentwicklungen nutzen sie, um populistisch in die Irre zu leiten. Leider haben sie dabei Erfolge in Parlamenten aller Ebenen – hier, bei uns zu Hause. Der Tabubruch von Erfurt am 5. Februar 2020 war ein Putschversuch im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten. Uns verbietet sich, mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen.
Nicht erst seit Bekanntwerden des Terrors des so genannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), der zehn Jahre unerkannt und ungehindert morden durfte, wird uns die Mär vom Einzeltäter aufgetischt, noch dazu von dem in seiner psychischen Entwicklung gestörten. Dass ein gesellschaftlicher Hintergrund und ein ideologisches Umfeld heranwachsen konnten, die entscheidenden Einfluss auf die Motivbildung der Täter hatten, wird geflissentlich unterschlagen.
Der Mord an Walter Lübcke in Wolfhagen, die Morde in Hanau und Halle ebenso wie das Angreifen oder Abfackeln von Flüchtlingsunterkünften (die Aufzählung ließe sich fortsetzen) haben übereinstimmend politische Zielsetzungen. Wenn offen gefordert wird, die Erinnerungskultur in Deutschland um 180 Grad zu wenden und die Verbrechen der deutschen Faschisten zum »Vogelschiss« der Geschichte mutieren, so ist das geistige Brandstiftung und Schaffung eines ideologischen Umfelds für politisch motivierte Gewalt. Die Täter von 209 Morden mit rechtsextremistischem Hintergrund seit 1990 haben einzeln gehandelt, ja, ihre Motivgefüge und ihre Opfer sind sehr ähnlich. Die Drahtzieher unerwähnt und unbeobachtet zu lassen, ist sträflich.
Wir erfuhren dieser Tage, dass das Bundeskriminalamt feststellte, der Mörder von Hanau sei kein »Anhänger einer rechtsextremistischen Ideologie«, schließlich hätte er einem »dunkelhäutigen Nachbarn« mehrfach geholfen und in einer Fußballmannschaft mit mehreren Mitspielern mit Migrationshintergrund zusammen gespielt. So schlicht denkt man im Bundeskriminalamt und nach Kritik wird man dieses Denken rechtfertigen. Eine reale rechtsextreme Tat, aber ein unbescholtener und kein rechter Täter?
Auch das hatten wir in der Geschichte schon.
Warum wohl fällt Verantwortlichen nicht auf, dass es 209 Opfer rechtsextremistischer Gewalt gibt, aber kein Todesopfer linksextremistischer Gewalt bekannt ist, da man große Anstrengungen unternimmt, linken und rechten Extremismus gleich zu setzen?
Polemisch zugespitzt stellt sich die Frage, ob wegen der rechtsextremistischen Verbrechen die Antifaschisten verfolgt werden müssen.
Ich persönlich und meine Mitstreiter in der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora haben immer großen Wert darauf gelegt, mit jungen Leuten ins Gespräch zu kommen, um unser Wissen und unsere Erfahrung zu vermitteln. Bei Gesprächsrunden, Projektwochen in Schulen, Führungen in Buchenwald usw. stellten wir große Aufgeschlossenheit fest. Gleichermaßen konstatierten wir, dass die Vermittlung von Wissen über die Zeit des Faschismus und in dieser Zeit begangene Verbrechen in den Schulen rückläufig und teilweise gar nicht mehr vorhanden ist. Wir sehen einen sehr ernst zu nehmenden Zusammenhang zwischen Zunahme rechtsextremistischer Handlungen und nicht vermitteltem historischen Wissen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf
Am 27. März 2020 hat die Journalistin und Schriftstellerin Daniela Dahn in der Tageszeitung neues deutschland gefordert, dass die bundesdeutsche Politik endlich konsequent aktiv werden muss. Ihre Forderungen zur Kenntnis zu nehmen und zügig zu handeln, entspricht unserer antifaschistischen Grundeinstellung.
Die Tatsache, dass wir den 75. Jahrestag der Befreiung und Selbstbefreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald nicht in gewohnter Weise begehen können, betrübt besonders uns wenige Überlebende.
Für mich, das will ich noch einmal mit aller Deutlichkeit betonen, war der Schwur von Buchenwald ein Leben lang verbindlich. Ich weiß, dass es aus nachfolgenden Generationen Menschen gibt, die nicht aufhören werden, sich um die Verwirklichung des Schwurs zu mühen.
Wenn nach Abklingen der Corona-Krise vieles neu gedacht und gemacht werden muss, fordere ich die Nachkommenden auf:
• Lasst nicht zu, dass vergessen wird, was in Buchenwald geschah und ordnet es ein in das Furchtbare, was durch die Hitlerfaschisten in der Welt angerichtet wurde.
• Erinnert und bedenkt die Apriltage 1945 in Buchenwald.
• Erinnert und bewahrt den Schwur von Buchenwald, denn es gibt keine Alternative zu
einer Welt des Friedens, der Freiheit und ohne Faschismus, wenn die Menschheit
überleben will.
• Scheut keine Mühe, wenn es darum geht, den antifaschistischen Konsens immer
neu, auch international, zu beleben.

Meine Gedanken sind in Buchenwald, bei Euch, bei Ihnen!

Gedenken an die Ermordung Suhler Antifaschisten vor 75 Jahren

1. April 2020

Vor 75 Jahren, am 5. April 1945, ist für die Menschen der Städte Suhl und Zella-Mehlis der Krieg zu Ende. Die amerikanischen Truppen unter General Patton sind auf dem Vormarsch nach Weimar. Die Häftlinge des KZ Buchenwald setzen einen Funkspruch ab: SOS, die SS will uns liquidieren und die Amerikaner funken zurück… aushalten, wir kommen.
Doch bis Weimar den Amerikanern kampflos in die Hände fällt, wütet die Gestapo, SS und Kriegsmaschinerie weiter.
In den Morgenstunden des 5. April 1945 werden 149 Männer und Frauen unter ihnen die Suhler Antifaschisten Guido Heym, Robert Gladitz und Erhard Schübel in das Webichter Wäldchen, gelegen zwischen Weimar und Tiefurt, gekarrt, erschossen und in einen Bombentrichter geworfen ohne nachzusehen, ob das Leben aus jedem Körper gewichen ist.
Anfang Juli 1945 werden die Opfer grausamster faschistischer Barbarei exhumiert. Die sterblichen Überreste werden auf den Friedhof in Weimar überführt und beigesetzt. Nur von 45 der 149 Ermordeten lassen sich Nachweise finden, wie sie hießen und wer sie waren, woher sie kamen.
Die Mitglieder der Basisgruppe Suhl/Südthüringen der Thüringer Verbandes der Verfolgten des Naziregimes /Bund der Antifaschisten, Angehörige und Suhler Bürger haben jedes Jahr am 5. April an der Gedenkstätte auf dem Heinrichser Friedhof der Ermordeten gedacht und daran erinnert,dass Krieg und Terror immer Opfer zu beklagen hat.
Da eine Zusammenkunft zum Gedenken in diesem Jahr nicht möglich ist, aber ein Besuch des Friedhofes und der Gedenkstätte erlaubt ist, kann individuell eine weiße Rose niederlegt werden.

Im Namen des Vorstandes der Basisgruppe: Elke Pudszuhn

In eigener Sache

8. Januar 2020

Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,

wie die meisten von euch sicher mitbekommen haben, steht die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA) seit Herbst letzten Jahres unter enormen Druck seitens der Berliner Finanzbehörden. Wie vorher schon Attac hat man nun auch uns die Gemeinnützigkeit entzogen. Die Aberkennung der Gemeinnützigkeit bringt uns in existentielle Schwierigkeiten. Wir möchten euch deshalb um eure Unterstützung bitten.

Spendet, werdet Mitglied und nehmt nach euren Möglichkeiten Einfluss auf politische Entscheidungsträger.

Die Stärkung des Vermächtnisses des antifaschistischen Widerstandskampfes gegen den Nationalsozialismus war nie wichtiger als heute im Angesicht der aufziehenden Bedrohung durch die neuen faschistischen Kräfte. Bitte steht in diesem Kampf an unserer Seite!

Gedenken in Bechstedt

7. Januar 2020

Am 19. Dezember gedachten einige Bürger aus Bechstedt und Umgebung gemeinsam mit Kameraden der Thüringer VVN-BdA den 1941 zwölf hier ermordeten polnischen KZ-Häftlingen aus dem Lager Buchenwald in der Gedenkanlage am Rande der Gemeinde Bechstedt. Die 12 waren Opfer des faschistischen Terrorsystems von 1933 bis zum Tag der Befreiung 1945, der sich im kommenden Jahr zum 75. mal jährt. Muss nun mal Schluss sein mit dem Erinnern? Wir sagen nein, denn auch der Innenminister der Bundesrepublik hat erkannt, dass Rechtsradikalismus und Rassismus sich nicht nur in Deutschland ausbreiten. Ob seiner Erkenntnis erfolgversprechende Taten folgen, ist leider nicht voraus zu sehen. Die heutigen Generationen tragen keine Schuld an dem, was damals, nicht nur in Bechstedt, geschah. Wir laden aber Schuld auf unsere Schultern, wenn wir neofaschistischen Gebaren und Entwicklungen tatenlos gegenüberstehen. Den vielen Millionen Opfern der faschistischen Gewaltherrschaft und den uns nachfolgenden Generationen sind wir unseren Widerstand schuldig. Drei Generationen in Deutschland konnten in Frieden leben, dieses Glück hatten Jugoslawen nicht, ihr Land, hier besonders Serbien, wurde von der NATO in die Steinzeit zurück gebombt. Nicht nur zu Weihnachten ist der größte Wunsch vieler Menschen, Friede auf Erden. Vergessen wir dies nicht.

Jürgen Powollik, Rudolstadt

Gedenkveranstaltung für Theodor Neubauer in Bad Tabarz

7. Januar 2020

Aus Anlass des 129. Geburtstages des antifaschistischen Widerstandskämpfers Theodor Neubauer fand am 13. Dezember 2019 an seinem Grabmal in Bad Tabarz eine Gedenkveranstaltung statt. Der Kreisverband der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten sowie die Gemeinde Bad Tabarz hatten dazu eingeladen. Prominentester Teilnehmer war der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke). Wir dokumentieren einige Bilder sowie die Ansprache des Vorsitzendes des VVN-BdA Gotha, Martin Mürb.

Guten Tag Theodor.
Theo, alter Freund und Genosse,

sei herzlich gegrüßt und lass Dir gratulieren – zum 129. Geburtstag! Wir beide wissen, so manch einer lächelt über unsere Zwiegespräche – wir, als Materialisten, reden miteinander, das heißt, ich rede und Du hörst zu. Lassen wir sie lächeln, unvergessene Menschen leben in uns und mit uns weiter. Wie Du spürst, Theo, bin ich entgegen meiner sonstigen Art heute aufgeregt. Daher auch der Zettel in meiner Hand, eben damit ich mich festhalten und die richtigen Worte finden kann. Du hast gestern auf uns gewartet, Theo. Aber wir brauchten etwas Zeit für unseren heutigen Ehrengast und für gewisse Vorbereitungen – und dieser Vorbereitungen wegen steht nun heute der Ministerpräsident Thüringens mit uns hier. Ein Ministerpräsident der LINKEN. Ja, das gibt es wirklich. Mit ihm sind Mitglieder des Thüringer Landtages, Abgeordnete des Kreistages Gotha, David Ortmann als Bürgermeister unserer Gemeinde, Freunde, Kameraden und Genossen, Schüler der Bad Tabarzer Schule, welche immer noch inoffiziell Deinen Namen trägt, Bürger aus Gemeinden im Kreis Gotha und von weiter her sowie neugierige Medienvertreter angetreten. Ministerpräsident Bodo Ramelow. Ein Linker, Christ und Antifaschist. Ja, Antifaschist wie Du einer der Besten bist. Jährlich zum Geburtstag sowie zum Gedenken am Jahrestag Deiner Ermordung berichten wir Dir, dass Gut und Böse in biblischen Ausmaßen immer noch im Streit liegen. Dein Kampf und die Kämpfe vieler Deiner Mitstreiter sind noch nicht ausgekämpft. Zur Unterstützung in diesem Ringen rufen wir Euch ewige Helden des antifaschistischen Widerstandes an unsere Seite. Bodo Ramelow wird gleich das Geburtstagsgeschenk enthüllen. Theo, wir verleihen Dir mit diesem Geschenk Flügel, erhebe Dich in die Lüfte, in die Thüringer Lande, über Deutschland. Hilf uns, den immer noch nicht besiegten Faschismus unterzukriegen.

 

Gedenken und Erinnern an die Hinrichtung Suhler Antifaschisten der Friedberg-Widerstandsgruppe vor 75 Jahren in Weimar

19. Dezember 2019

In den ersten Januartagen vor 75 Jahren wurden acht Mitglieder der Widerstandsgruppe „Friedberg“ im Landgerichtsgefängnis Weimar hingerichtet.

Adolf Anschütz, Emil Eckstein, Alfred Gerngroß, Rudolf Gerngroß, Friedrich Heinze, Ernst König, Emil Recknagel, Minna Recknagel, Karl Stade und Ewald Stübler wurden des Hochverrates angeklagt und zum Tode verurteilt.

Was war ihr „hochverräterisches Verbrechen“? Sie und weitere Antifaschisten organisierten den Widerstand in den Rüstungsbetrieben und erwiesen den ausländischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie den Kriegsgefangenen solidarische Hilfe.

Emil Eckstein und Alfred Gerngroß verstarben Ende 1944 an den Folgen grausamer Misshandlungen durch die Nazis in Gestapohaft.

Über die Hinrichtung von Mitgliedern des Suhler Widerstandes im Landgerichtsgefängnis Weimar berichtet der Oberstaatsanwalt in Weimar an den Generalstaatsanwalt in Jena in zynischer Weise:
„… bei 8 Männern und 1 Frau handelt es sich um die Suhler Hochverräter für den Volksgerichtshof. Es ist das erste Mal, dass hier 10 Hinrichtungen auf einmal erfolgen. Solche Massenexekutionen stellen erhebliche Ansprüche an die Wendigkeit und an die Nervenstärke aller beteiligten Beamten. Trotz hemmender äußerer Umstände (keine Heizung, kein Wasser) ist alles reibungslos in verhältnismäßig kurzer Zeit abgegangen…“
(Quellen zur Geschichte Thüringens: Die Geheime Staatspolizei im NS-Gau Thüringen 1933-1945, Seite 276)

Am Sonntag, den 5. Januar 2020 um 10.00 Uhr werden Angehörige, Mitglieder der Basisgruppe Suhl/Südthüringen des Thüringer Verbandes der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten und Suhler Bürger an der Gedenkstätte an der Wendeschleife Alter Friedberg, der Ermordeten gedenken und darauf aufmerksam machen, dass in der heutigen Zeit neonazistische Gewalt bis Mord, die Missachtung menschlichen Lebens, immanenter Bestandteil einer faschistischen Ideologie ist.

Für den Sprecherrat der Basisgruppe
Elke Pudszuhn

Beiträge zum Thälmann-Gedenken 2019

10. September 2019

Nach unserer Veranstaltung zum Gedenken an die Ermordung Ernst Thälmanns durch die Faschisten vor 75 Jahren dokumentieren wir hier die Beiträge von Günter Pappenheim, Ulla Jelpke und Ulrich Schneider.

Beiträge zum Thälmann-Gedenken 2019 weiterlesen »

Ernst Thälmann-Gedenken 2019

11. Juli 2019

Zur Erinnerung an den 75. Jahrestag der Ermordung Ernst Thälmanns findet am Sonntag, den 18. August 2019, in Buchenwald/Weimar um 14.30 Uhr im Hof des ehemaligen Krematoriums des KZ Buchenwald eine Gedenkveranstaltung statt. Die Gedenkworte sprechen die Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke und der FIR Generalsekretär, Dr. Ulrich Schneider.

Es laden dazu ein: der Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten und die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora.

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