8. Februar 2025
Eine Nachlese zu den Shoa-Gedenkstunden am 26. Januar 2025 von Peter Franz
Vor wenigen Tagen haben wir die eindrücklich sein wollenden Gedenkworte in Bundestag und Landtagsversammlungen gehört oder nachgelesen. An diesem Gedenktag der Shoa gegen Ende Januar sahen wir wieder ausgemergelte Gestalten, die neben den mit Leichen angefüllten Gruben standen und ungläubig ihre Befreier in fremden Uniformen musterten: die Soldaten und Offiziere der Roten Armee. Wieder wurden Blumen niedergelegt vor der „Schwarzen Wand“, wo man der mörderisch Erschossenen gedachte. Immer und immer wieder war zu hören und zu lesen, dass dieses menschliche Elend verursacht wurde von den deutschen „Nationalsozialisten“, die dieses unvorstellbare Grauen über Millionen Menschen brachten. Nicht nur, dass es angeblich „Nationalsozialisten“ gewesen sein sollten und keine Faschisten, gegen die die Rotarmisten bei ihrem Vormarsch kämpften, wie ihnen ihre Politkommissare erklärt hatten. Ich finde es unerträglich, dass die von den deutschen Nazis erfundene Propagandahülse viel zu lange schon zum stehenden Begriff der Historiker zumeist westlichen Zuschnitts als das vorgeschriebene Nennwort für die Nazi-Ideologen geworden ist.
Aber damit hängt auch zusammen das peinliche Verbergen und Verschweigen der Aktionen des mutigen Widerspruchs, des riskanten Widerstands, ja der hochgefährlichen Aufstandsversuche und sogar einiger weniger Aufstandserfolge, die sich auch in diesen Todeslagern ereignen konnten. Es waren eben nicht nur verelendete, abgestumpfte, ihr Schicksal klaglos erleidende Gefangene, die dort in Massen dahinvegetierten, ehe sie von Zwangsarbeit zermürbt oder mit gebrochenem Lebenswillen in die Gaskammern hinein gepfercht wurden.
Nein, da waren auch mutige junge Frauen wie Roza Robota, Ala Gertner, Ester Wajcblum und Regina Safirsztajn, die eine Sprengaktion an der Einzäunung organisierten, womit wir uns beim WIAU, dem Widerstand in Auschwitz befinden. Da waren glaubensstarke katholische Priester, die in den Pfarrer-Baracken des KZ Dachau mit ihren Pfarrbrüdern die lebensspendende Eucharistie feierten, von mir abgekürzt als WIDA gekennzeichnet. Und da war auch der Funktionshäftling und Häftlingspfleger Walter Neff, der vielen tuberkulose-kranken Mithäftlingen dabei helfen konnte, der Gaskammer zu entkommen. Das hat so große Freude ausgelöst, dass zwei von ihnen den „TBC-Marsch“ komponierten und betexteten:
Was ist denn heute hier im Hause los?
Denn jeder freut sich so und lächelt bloß.
Sagt, was ist denn da geschehen.
Im ganzen Hause gibt es keine Ruh.
Und alle Türen fliegen auf und zu.
Selbst die Schwächsten können gehen.
Weil wir singen unser neues schönes Lied,
das von Mund zu Mund alle Stuben durchzieht.
Und deshalb singen alle fröhlich mit,
und stimmet ein mit uns und haltet Schritt,
denn heut sind wir ja alle fidel.
Wir sind die Patienten
aber du bist unser Herr!
Wenn wir nur recht könnten
dankten wir Dir noch viel mehr!
Sei Du der Behüter
unserer Gemüter!
Dass uns ein Leid nicht treff – Walter Neff
Dass uns ein Leid nicht treff – Walter Neff!
(Lieder aus Konzentrationslagern, www.volksliederarchiv.de)
Nach diesem Blick auf das Akronym WIDA schauen wir noch in ein weiteres Todeslager: nach Sobibor. Sowjetische Kriegsgefangene jüdischer Herkunft aus Belarus unter Führung des Rotarmisten Alexander Petscherski töteten zwölf SS-Männer, viele Flüchtende starben im Kugelhagel, aber 365 Gefangene konnten dem Lager entkommen, und 200 erreichten einen nahegelegenen Wald. Allerdings gelang es nur 47 Flüchtlingen unterzutauchen bzw. sich einer Partisanengruppe anzuschließen. Nach einer grausamen Mordaktion an den Überlebenden wurde das Lager dann dem Erdboden gleichgemacht. Das war eine unvergessen bleibende Widerstandsaktion, die dem Kürzel WISO zuzuordnen ist.
Überall gab es „unkaputtbare“ Häftlinge, die sich beim Helfen in höchster Not bewährten und sich dabei solche Ehrentitel erwarben wie „Engel von Auschwitz“, „Engel von Sachsenhausen“ usw.
Und in einem weiteren KZ in Thüringen taten sich Männer zusammen, die für den ersehnten Befreiungs-Schlag genug Gewehre, Material und Technik zusammenbrachten, um die gehassten Unterdrücker eines kommenden Tages abzuschütteln, z.B. die Kommunisten in Buchenwald (WIBU), die sogar eine „Internationale Militär-Organisation“ (IMO) auf die Beine stellten. Freilich mussten sich General Pattons GI’s erst in erfahrbare Nähe vorkämpfen, so dass der Großteil der SS das Weite suchte und dann am 11. April 1945 das Kommando zur Befreiung des Lagers gegeben werden konnte. Die verbliebenen 76 Leute mit dem Totenkopf an der Uniform wurden durch die bewaffneten Antifaschisten vor der zu befürchtenden Lynchlust geschützt, gefangen gesetzt, um sie dann den Alliierten zu übergeben. Es vergingen noch zwei Nächte, bis die Kämpfer aus dem Land hinter dem Atlantik von einem Empfangskomitee der Vorläufigen Lagerleitung begrüßt werden konnten.
Davon freilich wollte eine Riege von Politikern und gefälligen Historikern nichts gewusst haben oder konnten diese dokumentierten Vorgänge jahrelang (wenn nicht Jahrzehnte hindurch) als durchschaubare „DDR-Propaganda“ herabwürdigen. Für den bisher vorletzten Direktor der Gedenkstätte, die seither auch keine „Mahnstätte“ mehr sein durfte, war das Lagergelände von Buchenwald lediglich ein großer Friedhof geworden.
In meiner jüngsten Veröffentlichung „Menschen im weltweiten Widerstand gegen das deutsche Naziregime. Eine soziologische Untersuchung“ auf der Quellenlage von rund 32.000 Kurzbiogrammen bin ich ihren Motiven des Widerstandes nachgegangen und habe die Antriebe und Einbindungen ihres jeweiligen Widerstandsverhaltens einmal umfänglich und genau untersucht. Dabei sind die o.a. Kürzel entstanden, die die Überschrift zieren. Auch ein Zeugnis des Widerstands sind die Lieder, die in den KZ’s entstanden sind und noch heute durch unser Singen dem Gedenken seine Kraft verleihen. Gegen die scheinbar unüberwindbare Macht des rasenden Nazi-Molochs haben allerdings die ebenfalls furchtbaren militärischen Mittel der Anti-Hitler-Mächte wirken können und müssen. Aber die Lieder menschlicher Selbstbehauptung wie die „Moorsoldaten“ oder „Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen“ – und selbst der fröhliche „TBC-Marsch“ gehört dazu – bleiben ein Zeugnis des ideellen Sieges des Widerstands über die Nazibarbarei.
Peter Franz, Menschen im weltweiten Widerstand gegen das deutsche Naziregime. Eine soziologische Untersuchung; BoD – Books on Demand GmbH Norderstedt 2024, ISBN 978-3-7597-5593-3